// 5-FRAGEN-RALLYE
Auf dem Weg in die Weltspitze
Rollstuhltennis: TNB-Ass Christoph Wilke träumt von Paralympics 2028

Sein Ehrgeiz und seine Erfolge verblüffen. Christoph Wilke hat sich innerhalb von fünf Jahren in die Elite des Rollstuhltennis vorgespielt. Der 24-Jährige ist Profi, gehört in der Weltrangliste zu den 60 besten Spielern und hat klare Ziele. Wilke möchte gerne an den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles teilnehmen und bei den Grand-Slam-Turnieren in New York, Paris, Melbourne oder Wimbledon antreten dürfen. Wie er das schaffen will und welche Rolle die TennisBase Hannover dabei spielt, verrät Wilke in der 5-Fragen-Rallye.

Frage 1:
Herzlichen Glückwunsch. Du bist vor Kurzem Deutscher Meister im Rollstuhltennis geworden. Wie lässt sich das noch steigern? Was sind Deine nächsten Ziele?
Mittelfristig ist es mein Ziel, an den Paralympics 2028 in Los Angeles teilnehmen zu dürfen. Dafür muss ich sechs Wochen vor Olympia in der Weltrangliste ungefähr zu den 42 besten Spielern im Rollstuhltennis zählen. Mein ganz großes Ziel bleibt es, mich eines Tages in die Top 20 der Weltrangliste hochzuspielen. Dann hätte ich beste Chancen, bei den Grand-Slam-Turnieren starten zu dürfen. US Open, Australian Open, French Open und Wimbledon: Diese Turniere sind auch im Rollstuhltennis das Größte, was man erreichen kann. Dort mitzuspielen, ist derzeit mein sehnlichster Wunsch.
Frage 2:
Wie viel Zeit und Mühe investierst Du, um Deine Ziele zu erreichen? Wer unterstützt Dich?
In den letzten Monaten hat sich bei mir etwas fundamental verändert. Nach meinem Abitur und einer kaufmännischen Ausbildung habe ich gemerkt, dass 10 bis 12 Stunden Training pro Woche plus Vollzeitjob einfach zu viel für den Körper und den Kopf sind. Um mit Blick auf Olympia mehr Turniere spielen und besser trainieren zu können, habe ich meinen Job gekündigt. Aktuell studiere ich Betriebswirtschaftslehre an der Fernuniversität Hannover und trainiere von montags bis freitags drei bis vier Stunden täglich plus anderthalb bis zwei Stunden im Fitnessstudio. Das sind insgesamt bis zu 35 Stunden Training pro Woche.
In finanzieller Hinsicht hilft mir vor allem der Deutsche Behindertensportverband (DBS). Ich habe auch ein paar regionale Sponsoren, die nötig sind, weil mein Trainingsaufwand mit immensen Kosten verbunden ist. Angesichts der hohen körperlichen Belastung ist es sehr wichtig, auf die Regeneration zu achten. Deshalb gehe ich regelmäßig zum Physiotherapeuten.
Frage 3:
An der TennisBase Hannover wirst Du von Ingo Herzgerodt trainiert und betreut. Wie funktioniert das Üben mit einem Trainer, der selbst nicht im Rollstuhl sitzt?
Ingo hat zwar keine spezielle Trainerausbildung für das Rollstuhltennis. Aber er ist sehr erfahrener Spieler und Trainer. Die Arbeit auf dem Platz mit ihm wurde mit der Zeit immer besser und besser. Er hat richtig Bock darauf und sich bestens eingearbeitet. Er ist eine Riesenhilfe für mich. Klar: Beim gezielten Training für das Rollstuhltennis sind ein paar Anpassungen im Vergleich zum Tennistraining für Fußgänger notwendig. Es gibt vor allem spieltaktische und athletische Unterschiede. Nicht nur mein Oberkörper, sondern auch die Rumpfmuskulatur und der Rücken werden stark beansprucht. Das sind Komponenten, die ich als Rollstuhlfahrer bewusst trainieren muss. Dafür habe ich in Stadthagen und Bad Nenndorf einen guten Trainingspartner. Und dafür ist das Training an der TennisBase Hannover perfekt.

Frage 4:
Woher nimmst Du den Willen und die Kraft, innerhalb kürzester Zeit eine Karriere im Leistungssport machen zu wollen?
Diese Energie, die ich benötige, beziehe ich überwiegend aus meinem direkten Umfeld. Ingo unterstützt mich auf dem Platz, wenn ich mal einen schlechten Tag habe. Mein Trainingspartner Julian Krisp unterstützt mich ebenfalls. Auch meine Familie, meine Freundin und meine Freunde setzen sich für mich ein. Sie alle motivieren mich immer wieder. Das gibt mir neben der nötigen Motivation auch viel mentale Energie.
Frage 5:
Wie zufrieden bist Du mit dem Stellenwert Deiner Sportart. Wie viel Wertschätzung erfahren das Rollstuhltennis und Deine Leistungen in der Öffentlichkeit?
In den letzten Jahren hat sich einiges getan, was das Rollstuhltennis in Deutschland angeht. Wir sind auf einem sehr guten Weg, aber eine Randsportart. In Deutschland zählt im Grunde nur Fußball. Es wäre eine riesige Erleichterung, wenn die Medien dem Rollstuhltennis und anderen Sportarten mehr Aufmerksamkeit schenken würden. Wir sitzen im Rollstuhl und betreiben trotzdem Leistungssport. Ich trainiere genauso hart wie viele Fußgänger in anderen Sportarten.
Wenn unsere Leistungen öffentlich kaum stattfinden oder gewürdigt werden, ist es schwierig, Sponsoren zu finden oder Turniere mit Preisgeld zu veranstalten. Aber ich will mich gar nicht in die Opferrolle begeben, weil es in Deutschland vielen anderen Sportarten ähnlich ergeht. Ich freue mich über jede mediale Berichterstattung, damit erst einmal möglichst viele Menschen verstehen, worum es im Rollstuhltennis geht und was dort alles möglich ist.
Wissenswertes
Investition
Christoph Wilke hat seit Kurzem einen neuen Rollstuhl, der perfekt auf eine Sportart und seinen Körper abgestimmt ist. Das neue Sportgerät hat rund 10.000 Euro gekostet.
Laufbahn
Erst seit 2017 spielt Christoph Wilke intensiv Rollstuhltennis und macht seitdem große Fortschritte. Seit fünf Jahren trainiert er wie ein Leistungssportler und fokussiert sich jetzt voll auf den Sport.
Handicap
Ein Gendefekt hat dazu geführt, dass Christoph Wilke ohne linkes Bein geboren worden ist. Im Rollstuhltennis startet er bei nationalen und internationalen Turnieren in der offenen Herrenklasse.